Julius Tandler

  • ZWISCHEN VORSORGE UND KONTROLLE

    In der Kinderübernahmestelle in der Lustkandlgasse wurden von 1925 bis 1934 etwa 63.000 Kinder und Jugendliche betreut

    Die Sozialpolitik des Roten Wien war fortschrittlich. Aber auch von Kosten-Nutzen-Gedanken geprägt.

    Die Sozialpolitik des Roten Wien in der Zeit von 1919 bis 1933 war fortschrittlich wissenschaftlich. Aber auch von einem starren Kosten-Nutzen-Gedanken geprägt.

    SOZIALES. Wer Kindern Paläste baut, reißt Kerkermauern nieder.

    Noch heute steht diese Aussage von Julius Tandler auf einer Gedenktafel in ehemaligen gleichnamigen Kinderheim der Stadt Wien in der Lustkandlgasse am Alsergrund.

    Eröffnet wurde es 1925 – damals noch als sogenannte Kinderübernahmestelle. Verwahrloste Säuglinge, Kinder von dem Alkoholismus verfallenen Eltern, Jugendliche, die Gewalt ausgesetzt waren – deren Betreuung in städtischen Einrichtungen wurde von dort aus gelenkt. Die Kinderübernahmestelle war ein Pfeiler des Sozialfürsorgesystems der Stadt Wien, dessen zentrale Figur der damalige Stadtrat für Wohlfahrts- und Gesundheitswesen war: Julius Tandler (siehe Porträt rechts).

    Unter der Ägide des Sozialdemokraten wurde ein umfassendes Netz aus sozialen Fürsorgestellen über Wien gespannt: Kindergärten wurden gebaut, Jugendämter installiert, Ehe und Berufsberatung eingeführt, Heilanstalten für Tuberkulosekranke errichtet. In den Schulen wurde der Schulsport propagiert und die Schulzahnkliniken eingeführt. Der Schwerpunkt lag auf der Fürsorge für Kinder und Jugendliche. Älteren oder Behinderten standen Angebote in eingeschränktem Umfang zur Verfügung. „Tandler schaffte den radikalen Schritt von der Wohltätigkeit Privater (Stichwort Almosen) hin zu einer öffentlichen Fürsorge“, erklärt der Historiker Peter Schwarz von der Universität Wien.

    Entstanden ist dieses geschlossene Fürsorgesystem aus der Not des Krieges heraus – viele Menschen waren krank, litten an Mangelerscheinungen und psychischen Problemen. Ausgangspunkt war die Hygiene-Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts (unter „Hygiene“würde man heute Öffentliche Gesundheit verstehen), die die Bedeutung von Lebensstil und Lebensumständen für die Gesundheit propagierte. Das sollte die Gesunderhaltung populär machen – durch gesunde Ernährung, Pflege, körperliche Aktivität. Erklärtes Ziel: Der „neue Mensch“. „Die Verbesserung des Stadtraumes sollte zur Verbesserung der in der Stadt lebenden Menschen führen“, erklärt Birgit Nemec, Historikern und Kulturwissenschafterin der Universität Heidelberg.

    KOSTEN-NUTZEN. Viele praktische Ansätze basierten auf biowissenschaftlichen Überlegungen. „Sowie auf einer einfachen Kosten-Nutzen Rechnung“, sagt Nemec. Gesunde

    Kinder werden zu gesunden Menschen und zeugen gesunde Kinder. Auch das Ziel der Eheberatung im Roten Wien der Zwischenkriegszeit war nicht, Tipps für ein friktionsfreies Eheleben zu geben, sondern etwa zu verhindern, dass Tuberkulosekranke heiraten und Kinder bekommen–kranke Kinder. „Das wurde als gesundheitliche Vorsorge verstanden“, sagt die Historikerin. Die Grenze zwischen Aufklärung und Kontrolle verlief fließend. „Tandler appellierte an die Verantwortung des einzelnen“, ergänzt Peter Schwarz.

    EUGENIK. Tandler war Anhänger der Eugenik (Lehre von der Erbgesundheit). Der Sozialdemokrat unterschied zwischen Leben, das es zu fördern galt und „unwertem Leben“. „Auch er dachte über Zwangsmaßnahmen wie die Sterilisation nach“, erklärt Nemec. Aber Tandler erkannte das Recht auf Leben und die persönliche Freiheit zugleich als wichtiger an, als „lebenswertes Leben“zu erhalten, in dem man „unwertes Leben“zerstörte. Eine Ambivalenz wie jene bei Tandlers Zugang zu diesem Thema zeige sich auch und vor allem bei der Gesundheitsvorsorge des Roten Wien: Sie habe sich stets zwischen Prävention und Kontrolle bewegt.

  • Julius Tandler

    Zu bekommen beim MORAWA - Verlag>>>HIER <<<


    Zwischen Humanismus und Eugenik
    vonSchwarz, Peter

    BuchGebunden319 Seiten
    Deutsch

    Edition Steinbauererschienen am16.05.2017
    Der Arzt und Universitätsprofessor für Anatomie Julius Tandler (1869-1936) war Mitbegründer des Weltrufs der Wiener medizinischen Schule. Ebenso gilt er als legendärer Wohlfahrts- und Gesundheitsstadtrat des "Roten Wien" der Zwischenkriegszeit. Mit seinem Namen untrennbar verbunden ist die Schaffung eines modernen und humanen Wohlfahrtsstaats. Seit den 1990er Jahren werden Tandlers Äußerungen zu Bevölkerungspolitik, Eugenik und der Vernichtung "lebensunwerten Lebens" von wissenschaftlicher Seite zunehmend beanstandet und diskutiert. In dieser Studie werden sämtliche in Zusammenhang mit Bevölkerungspolitik, Menschenökonomie, Eugenik, Rassenhygiene und "Euthanasie" stehende, hinsichtlich ihrer Humanität problematische Aussagen Tandlers kritisch untersucht.

    Das Buch zeichnet ein differenziertes Bild der Gesamtpersönlichkeit Tandlers und hält die schwierige Balance zwischen notwendiger Kritik und der Anerkennung der historischen Verdienste dieses wichtigen Wiener Kommunalpolitikers.